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03.06.2020 19:38

„Hartes Kopfnicken“ bei Debatten in Aula - von Philipp Lauer

Regionalentscheid des Wettbewerbs „Jugend debattiert“ in Boppard – 32 Schüler erörtern kontroverse Themen

Boppard. Rund 140 Schüler kamen am Freitag in die Aula des Kant-Gymnasiums in Boppard zum Regionalentscheid des Schülerwettbewerbs „Jugend debattiert“. Davon haben 32 Schüler in einer Vor- und einer Finalrunde debattiert und zahlreiche ihrer Mitschüler als Juroren und als Zeitwächter die Debatten verfolgt.

Schüler der Jahrgangsstufen 8 bis 10 traten in der Altersgruppe 1 an. In der Finalrunde diskutierten vier Schülerinnen die Frage, ob die Schule Schüler besonders belohnen soll, die sich in ihrer Freizeit gesellschaftlich engagieren. Lea Meckel vom Kant-Gymnasium und Samira Tajjiou vom Bertha-von-Suttner-Gymnasium (BvSG) in Andernach argumentierten pro, Nicole Fix vom Kant-Gymnasium und Mia Georgina Page, ebenfalls vom BvSG, hatten die Aufgabe, dagegen zu argumentieren. In der Eröffnungsrede hatte jeder zwei Minuten Zeit, um in die Fragestellung einzuführen und seinen Standpunkt darzustellen. So argumentierte die Pro-Seite, die Schule habe über den Bildungsauftrag hinaus auch die Aufgabe, Werte zu vermitteln. Über einen Vermerk im Zeugnis könne man ohne großen bürokratischen Aufwand bewerten, wie stark sich ein Schüler in seiner Freizeit für die Gesellschaft engagiert. Das Stichwort Freizeit griffen die beiden Schülerinnen der Contra-Seite auf. „Schüler sollten nicht für ihr Verhalten in der Freizeit bewertet werden“, sagte Nicole Fix. Zudem baue dies zusätzlichen Druck auf die Schüler auf. Die zwölf Minuten Zeit zur freien Aussprache nutzten die Debattierenden abwechselnd für einen Schlagabtausch an Argumenten und Gegenargumenten, gestützt mit Informationen aus verschiedenen Quellen, für Fragen und Gegenfragen. Zu guter Letzt hatte jede Schülerin eine Minute für eine Schlussrede, bevor sich die Jury zur Beratung zurückzog.

Ermutigende Rückmeldungen

Die Juroren bewerteten in den Kategorien Sachkenntnis, Überzeugungskraft, Ausdruck und Gesprächsfähigkeit. Überwiegend hatten sie positive und ermutigende Rückmeldungen für die jungen Frauen. Die ersten beiden Plätze belegten Samira Tajjiou und Nicole Fix. Damit haben sie sich für den Landesentscheid im April in Mainz und ein vorbereitendes Seminar in Bingen qualifiziert. Lea Meckel und Mia Georgina Page landeten auf den Plätzen drei und vier.

In der Finalrunde der Oberstufenschüler traten auf der Pro-Seite Sophie Maser und Lukas Welker (beide Kant-Gymnasium) sowie Helene Marie Becker (IGS Kastellaun) und Maximilian Bethge (BvSG) auf der Contra-Seite an. Sie debattierten die Frage, ob Städte und Gemeinden den „Klimanotstand“ ausrufen sollen. Schnell wurde klar, der dringende Handlungsbedarf angesichts des Klimawandels stand nicht zur Debatte – vielmehr ging es um die Vorgehensweise. Die Pro-Seite warb für den Klimanotstand, um die internationale Klimapolitik damit auf die kommunale Ebene herunterzubrechen und „einen ersten Schritt in die richtige Richtung“ zu machen, wie es Sophie Maser nannte. „Solange der Klimaschutz dadurch nur berücksichtigt wird, und ihm nicht die oberste Priorität eingeräumt wird, ist der Klimanotstand nur Symbolpolitik“, erwiderte Helene Marie Becker. Die vier Schüler lieferten sich eine hitzige Debatte zu diesem komplexen Thema. Es zeigte sich, wie schwer es ist, sich gegen etwas auszusprechen, zu dem die öffentliche Meinung so gefestigt scheint. Immer wieder führte die Diskussion zu dem Punkt zurück: Dass wir etwas gegen den Klimawandel tun müssen, ist unstrittig. Über die Umsetzung wurden sich die debattierenden Schüler nicht einig, stellte nicht nur Maximilian Bethge fest.

Für Landesentscheid qualifiziert

Die Jury wählte Sophie Maser auf Platz eins, gefolgt von Helene Marie Becker. Für sie geht es ebenfalls zum Landesentscheid. Lukas Welker und Maximilian Bethge belegten die Plätze drei und vier. Moderatorin Luna Mono dankte den Schülern für ihre Beiträge, die im Publikum für „hartes Kopfnicken, -schütteln und Murmeln“ gesorgt hatten. Mono macht gerade ihr Abitur am Kant-Gymnasium. Im vergangenen Jahr schaffte sie es bis ins Bundesfinale von Jugend debattiert und belegte dort den zweiten Platz (wir berichteten).

Am Regionalentscheid nahmen dieses Jahr Schüler von acht Schulen teil: Bertha-von-Suttner-Gymnasium Andernach, Berufsbildende Schule Wirtschaft Koblenz, Bischöfliches Cusanus-Gymnasium Koblenz, Görres-Gymnasium Koblenz, Hilda-Gymnasium Koblenz, IGS Kastellaun, Max-von-Laue-Gymnasium Koblenz und Kant-Gymnasium Boppard.

Mon­tag, 09. März 2020, Rhein-Huns­rück-Zei­tung

Philipp Lauer über Unterricht im Debattieren

Schüler üben, sich vorbildlich zu streiten

In einer der Debatten im Finale des Regionalentscheids von „Jugend debattiert“ in Boppard ging es auch darum, dass die Aufgaben der Schule über die reine Vermittlung von Wissen hinaus gehen. Dafür ist der Wettbewerb selbst ein gutes Beispiel. Lehrer und Schüler bereiten sich im Unterricht, etwa in den Fächern Deutsch oder Sozialkunde, rund einen Monat darauf vor. Sie lernen den Aufbau einer Erörterung, Mittel der Argumentation und Gesprächsführung und üben – sicher auch mal emotional – aber nach klaren Regeln zu streiten. Für das Leben in einer Demokratie und eine lebendige Demokratie sind das sehr wichtige Fähigkeiten.

Wann haben Sie sich das letzte Mal mit jemandem auseinandergesetzt, der eine komplett andere Meinung zu einer kontroversen politischen Frage vertritt? Und wie ist das Gespräch ausgegangen? Wer sich die aufgeladenen politischen Gesprächsrunden im Fernsehen antut, der kann schon mal daran zweifeln, wie gut die Profis eigentlich darin sind, sich sachlich zu streiten. Und wer sich tatsächlich noch durch die Kommentarspalten in den sozialen Netzwerken zu strittigen Themen kämpft, muss aufpassen, nicht zu verzweifeln. Dort gilt das Recht des vermeintlich Stärkeren, dominiert die Debatte, wer am lautesten, am extremsten ist, polarisiert. Die Leisen dazwischen halten sich lieber zurück, so scheint es. Das verzerrt das Stimmungsbild.

Umso wichtiger ist es – meiner Meinung nach – die öffentliche Meinungsbildung wieder mehr ins reale Leben zu holen, wo man seinem Gegenüber ins Gesicht schauen kann. Dann fällt es vielleicht leichter, dessen Standpunkt nachzuvollziehen und sich auf Augenhöhe auszutauschen. Auch das lernen die Schüler beim Debattieren: sich andere Meinungen anzuhören und auszuhalten, egal wie weit sie von der eigenen entfernt sind. Das fällt oft schwer, gehört aber bis zu einem bestimmten Punkt zur Demokratie dazu.

Ich finde es gut, dass die Schüler das Streiten üben. Vielleicht können sie uns Erwachsenen von Zeit zu Zeit ein wenig Nachhilfe geben.

 

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